Monat: April 2013

Teil 5 – Staub

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Staub

 

Geräuschlos ließ sich die Tür öffnen und Tom trat zögernd ein.

Die Hunde, sonst ein Ausbund an Energie und immer die Ersten die voranstürmten, waren nun zurückhaltend und blieben an seiner Seite.

So war es immer schon gewesen; im Gebäude fühlten sich die Familienangehörigen gehemmt, spürten, dass sie nicht die wahren Besitzer waren und das übertrug sich auf die Tiere.

Als er nun auf dem dicken roten Teppich stand, schlugen die Erinnerungen über ihm zusammen.

Überall im Flur war die Hand seiner Mutter zu sehen und zu spüren.

Er folgte der eingetretenen Spur im Boden zu den Zimmern, die seine Mutter bewohnt hatte.

Direkt im linken Flügel des Hauses waren zwei Zimmer ihr Reich gewesen. Während der Rest unbewohnt und tot wirkte, gab es hier Spuren von Leben. Bilder, alte Fotografien  und Kinderzeichnungen von ihm schmückten die ergrauten Wände. Sie hatte aus dem alten Raum einen Schrein ihrer Erinnerungen gemacht.

Traurig ging er durch die kleine Koch-Essecke, sah die urige vertraute Einrichtung, die seit unzähligen Jahrzehnten Teil des Hauses war, wie alles hier.

Denn nie hatten sie neue Möbel oder Geräte gekauft. Erstaunlicherweise gingen die Alten auch nie kaputt, sodass es nie notwendig wurde mit der Zeit zu gehen.

„Qualität“, hatte seine Mutter immer gesagt, „die behalten wir und so etwas bekommt man heutzutage ohnehin nicht mehr.“, wenn er mal wieder angefangen hatte, die uralte Ausstattung zu bemängeln.

Innerhalb dieser Mauern war alles, wie es immer gewesen war. Dieses Haus wollte nicht verändert werden, schoss es ihm nicht zum ersten Mal durch den Kopf. Sofort schalt Tom sich einen Narren.

Er hatte andere Sorgen.

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Nun wand er sich dem Rest des Hauses zu. Zwar war der Papierkram seiner Mutter der nächste Punkt auf seiner Liste, zuvor wollte er sich jedoch noch umsehen. Auch wenn er nicht glaubte, dass sich etwas verändert hatte.

Zusammen mit seinen drei Gefährten wanderte er durch das Erdgeschoss mit seinem undichten Wintergarten, in dem die Pflanzen die Herrschaft zurückerhalten hatten, den ersten Stock, in dem die alten Möbel mit Laken abgedeckt waren und der Staub in der verbrauchten Luft  zu sehen war.

 Der flüchtige Rundgang endete wieder in Heides Stube.

Nun wand sich Tom den Schränken und Schubladen zu, von denen es selbst in diesen zwei Räumen mehr als genug gab.

Nach und nach holte er Stapel um Stapel von Briefen, Rechnungen, Mahnungen, Werbung und Notizen hervor, baute sie vor sich auf dem Boden auf und fing an zu lesen und zu sortieren.

Stunden später hob er den Kopf, massierte seinen verspannten Nacken mit einer Hand und stöhnte. Er hatte noch nicht einmal einen Bruchteil der Unterlagen geschafft. Das Ganze würde noch eine Ewigkeit dauern.

 Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er sah, wie um ihn herum in all dem Papiergewirre die drei Riesen schnarchten.

Da es draußen langsam dunkel wurde, beschloss Tom, mit den Hunden raus zu gehen und sich auf dem Weg gleich mit Lebensmitteln einzudecken. Auf dem Dorf machten die Geschäfte eher zu als bei ihm daheim und er wollte nicht das Wochenende ohne Verpflegung mit drei hungrigen Rottweilern verbringen.

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Zuhause – Fortsetzung 4.Akt –

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Zuhause

Es war ihm bewusst, dass er beobachtet wurde. Der verlorene Sohn kehrte heim.

Dieses Gefühl hatte er Zeit seines Lebens in diesem Haus gekannt.

Nun stand er also vor dem großen, leicht rostigen Tor, dass die Straße von seinem Elternhaus trennte.

Wie oft er diesen Weg gegangen war, hatte jeden Stein im verwitterten Boden gekannt.

„Reiß dich zusammen“ dachte er sich und betrat das Grundstück.

Verwilderte Hecken, vermooster Rasen und riesige, unaufhaltsam gewachsene Bäume umgaben das alte Gebäude.

Prächtig wäre wohl das Wort, das trotz des wilden Zustandes den Meisten für das Grundstück und gerade das Haus der Tessels durch den Kopf geschossen wäre.

Der große Backsteinbau erhob sich inmitten dieses Urwaldes und machte ihm genau wie damals Angst.

Und es war nicht eine unbegründete, kindische Angst, wie bei verlassenen Häusern, Gruselgeschichten  oder Friedhöfen. Nein, es war eine Urangst, die noch dazu begründet war.

Und genau das stellte das Problem dar. Denn nun musste Tom sich dieser Furcht stellen.

Sein Gedankengang wurde abrupt unterbrochen, als mit enormem Radau die Meute um die Ecke bog und direkt auf ihn zuschoss. Meute traf es auf den Punkt. Denn Hektor, Zeuss und Pauline waren ausgewachsene Rottweiler, Wesen mit denen man sich nicht anlegen sollte und schon garnicht wollte.

Die Tiere hielten in ihrem Lauf nicht an, sondern stürmten zielstrebig und bellend auf ihn zu.

Der Aufprall war heftig, wie alles an diesen Tieren.

Schlabbernd und stummelwedelnd umringten ihn die Drei.

Lachend streichelte Tom die Hunde, schob Zeuss von seinem Brustkorb und fand es erstaunlich, wie sehr ihm diese Rasselband gefehlt hatte. „Ist ja gut Leute, ja, ich bin wieder da. Ich hab euch auch vermisst“ grinste er das Trio atemlos an.

Während er, umgeben von 12 Pfoten, weiter auf das Haus zuging, erinnerte er sich, wie erstaunt er gewesen war, als seine Mutter entschied, einen Hund haben zu wollen. Und noch mehr, als sie freudestrahlend mit drei Rottweiler Welpen zurückkam und ihm seine neuen Geschwister präsentierte.

Erstaunlich war sie immer gewesen, seine Mutter.

„Ab jetzt lass ich euch nicht mehr allein, das steht fest“, murmelte er vor sich hin.

So sehr die drei Hunde ihre Familie, ihr Rudel auch liebten, alle anderen Menschen waren ihnen von jeher suspekt und wurden nicht geduldet.

Daher war die einzige Pflege seit dem Tod der Mutter das Hinstellen von Futter und Wasser gewesen, wobei sich die Nachbarn abwechselten.

Das würde sich nun ändern. Er hatte seine Mutter im Stich gelassen, aber diese Drei würde er nicht mehr verlassen, das stand für ihn fest.

Sie waren an diesem Ort immer sein Lichtblick gewesen.

So sehr ihn die Angst auch gequält hatte, das Wissen, so hatten sie ihn aufgemuntert.

Es war höchste Zeit, den inzwischen riesigen Tieren zu zeigen, dass sie sich nicht in ihm getäuscht hatten.

Mit diesen Gedanken öffnete er die große Haustür und trat ein.

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Zurück zu den Wurzeln – Fortsetzung Geschichte Teil 3

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Zurück zu den Wurzeln

Es war eine Fahrt von 5 Stunden. Ja, er hatte sich physisch soweit von seiner Herkunft entfernt, wie es nur ging.

Und nun war er auf dem Weg zurück. Zurück in seine Vergangenheit.

Nach all den Jahren war er die Strecke wie im Schlaf gefahren. Ja er konnte sich nicht einmal dran erinnern, den Weg zurückgelegt zu haben.

Doch nun, kurz vor seinem Ziel, erwachte er aus seiner Trance. Vor ihm lag der Ort, in dem er aufgewachsen und in dem nun seiner Mutter gestorben war.

Alles sah genauso wie damals aus, bemerkte er ohne großes Erstaunen. So war es hier schon immer gewesen. Während draußen in der weiten Welt die Zeit davon rann, stand sie hier wie zum Ausgleich still.

Die Höfe, der kleine Laden an der Ecke, ja selbst die Dorfhunde waren noch da. Tom bog an der Kirche rechts ab und hielt vor dem Gemeindehaus, an dass sich das Beerdigungsinstitut anschloss. Es war kein wirkliches, sondern eine kleine Halle. Der Bestatter war zugleich auch der Organist der Gemeinde. Eingeschworene Gruppe, vollkommen autark von der Außenwelt.

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Abgestandene Luft schlug ihm entgegen, als er den Vorraum betrat.

Kurz überkam ihn Panik und der ungeheure Drang wegzurennen, weit, weit weg. Doch er riss sich zusammen und das gerade rechtzeitig. Denn nun kam der Herrscher dieser Räume, Wilhelm Korsbach, auf ihn zu und rief: „ Thomas, mein Junge, es ist ewig her. Es tut mir so Leid um deine Mutter. Eine so gütige Frau…“ Bedauernd schüttelte er den Kopf.

„Ja“ war das einzige, das er erwidern konnte.

Doch es war gar nicht nötig, viel zu sagen. Sein Gegenüber redete auf ihn ein, erzählte von dem tragischen Unfall Heides und das alle sehr erschüttert seien.

Natürlich erfuhr er auch alle anderen Dorfneuigkeiten. Geburten, Hochzeiten, Krankheiten, alles war wichtig und musste mitgeteilt werden.

„Aber du warst so lange nicht zuhause, dir ist sehr viel entgangen. Aber nun ja, so seid ihr jungen Leute“, tadelte ihn der Bestatter.

Unter anderen Umständen hätte sich Tom so etwas niemals bieten lassen, doch gerade war ihm alles egal. Er wollte nur fort.

Nachdem Korsbach mit Tom die Details für die Beisetzung besprochen hatte, denn vom Sarg bis hin zu den entsprechenden Blumengestecken wollte der Bestatter alles geklärt haben, wurde er zu seiner Mutter gebracht.

Ein seltsames Gefühl, sie so daliegen zu sehen.

Zeit ihres Lebens war seine Mutter eine rührige Person gewesen, klein, zierlich und immer in Bewegung. Jetzt war von ihrer Lebhaftigkeit nur noch eine Erinnerung übrig.

„Mama“, dachte Tom. „Es tut mir leid, dass ich dich allein gelassen habe! Bitte glaub mir.“ Warum hatte sie ihn nicht angerufen? Doch ihm war die Antwort klar; er wäre nicht gekommen. Irgendeine Ausrede hätte er gefunden, um nicht anzureisen.

Zögert streckte er die Hand aus, ein letztes Mal wollte er sie berühren. Kalt und trocken fühlte sich die einst so warme und duftende Haut an. Und in dem Moment traf es Tom mit aller Wucht: Seine Mutter Heide war tot.

Er musste damit leben. Und vor allem ohne sie.