Monat: Juli 2013

Längst vergangen

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Nachdem er sich ins Bett geschleppt hatte, um zumindest noch ein wenig Schlaf zu bekommen, stand Tom nun unschlüssig inmitten des Schlafzimmers.

Er versuchte sich an die letzte Nacht zu erinnern, doch alles was er noch wusste, war, dass er nachts aufgewacht war und dann, wie er duschte, um den Schweiß abzuwaschen.

Fehlte ihm viel dazwischen? Oder hatte er ohnehin nur geschlafen und schlecht geträumt?

Je mehr er grübelte, desto unsicherer wurde Tom.

Da es sinnlos war, sich weiter den Kopf zu zerbrechen, öffnete  er den Hunden die Tür zum Garten, was das Trio mit freudigem bellen annahm, fühlte ihre Näpfe und wandte sich dann den Bergen von Unterlagen im Hause zu.

Die bereits vorsortierten Papiere ließ er außen vor. Stattdessen wühlte er sich durch die hinteren, vergilbten Stapel, durch Schubladen und den Kleiderschrank.

Unbewusst suchte er etwas.

Klar wurde Tom das erst, als er es in den Händen hielt; das Tagebuch seiner Mutter.

Schon als er noch klein gewesen war, hatte sie es immer irgendwo im Schlafzimmer aufbewahrt.

„Was suche ich denn eigentlich da? Erwarte ich die ultimative Auflösung, die Erklärung für meine Stimmungsschwankungen und meine Paranoia?“ versuchte er sich zu beruhigen. Doch zwecklos. Er wusste einfach, dass es etwas gab, das er unbedingt wissen musste. Und das seine Mutter ihm einen Hinweis hinterlassen hatte. Irgendetwas.

Genervt von seiner eigenen Nervosität legte Tom das Buch aufs Bett und ging raus zu den Rottweilern.

Diese rumorten im hohen Gras, kaum zu sehen, jedoch mehr als gut zu hören.

Kopfschüttelnd drehte er sich um, ging ins Haus und griff nach einigem Zögern wieder nach dem Tagebuch. Mit verschränkten beinen hockte er sich aufs Bett und begann zu lesen.

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15.Mai

Heute habe ich nicht aufgepasst und Tom ist allein im Garten gewesen. Natürlich ist er neugierig, er ist ja noch so jung.  Hinten auf dem Hof habe ich ihn gefunden. Dort, wo früher der alte Friedhof war, hatte ich ihn gefunden.  Auch wenn es außer uns niemand mehr wissen sollte. Der Junge wurde davon angezogen.

Wer weiß was passiert wäre, wenn ich nicht gekommen wäre. Er lag zusammengerollt am Boden und klammerte sich an mich, als ich ihn aufhob.

Oh Gott, ich hoffe er lernt daraus.

 

4.Juli

Nachdem ich nochmal mit Tomi geredet habe, hat er mir versprochen, nie mehr dorthin zu gehen.

Ich habe Angst um ihn. Aber er ist ein guter Junge und hört auf mich. So kann ihm nichts passieren.

 

1.Dezember

Walter sagt, wir sollten einen Zaun bauen, um den hinteren Teil des Grundstücks abzuschirmen. Uns zu schützen. Er versteht es einfach nicht.

Ich versuche, ihm klarzumachen, dass es das nicht will. Aber mein Ehemann ist so stur.

 

 

9.Dezember

Heute hat Walter den Zaun gebaut. Ich habe Angst. Es wird das nicht dulden.

 

12.Dezember

Ich habe nicht mehr geschrieben, seit mein Mann gestorben ist. Er lag einfach im Schuppen. Die Polizei sagt, er ist vom Heuboden gestürzt und auf den Heugabeln gelandet. Anscheinend wollte er vor dem Schlafen noch einmal alles kontrollieren. Ein tragischer Unfall sagen sie. Ich weiß es besser.

Nun muss ich Tomi allein beschützen.

 

 

 

 

24.Dezember

Nun wohnen wieder Tiere bei uns. Tomi war erstaunt, als ich mit den drei Welpen aus dem Auto gestiegen bin. Aber da heute Weihnachten ist, denkt er, es sei einfach eine Überraschung. Er muss nicht wissen, dass sie uns warnen sollen. Und ich will nicht mehr allein nachts wachliegen.

 

28. September

Seit ich allein hier lebe, ist es stärker geworden. Als würde es nun von weniger Kraft blockiert.

Es weiß, dass es mich allein für sich hat. Ich bin ihm ausgeliefert.

Doch bislang hat es mir nie etwas getan. Nichts Schlimmes.

 

 

Verwirrt ließ Tom das Buch sinken. Was hatte er da gelesen? Was war hier passiert? Hatte seine Mutter Wahnvorstellungen gehabt? Sicher, sie war schnell erregbar, aber das sie derart den Verstand verloren hatte, war ihm nie bewusst gewesen.

Oder hatte sie etwa die Wahrheit aufgeschrieben? Das konnte nicht sein.

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