Am Ende sind wir alle allein – Geschichte-

Endlose Endlichkeit

Gepostet am Aktualisiert am

 

Er spürte nicht, wie das Dunkel in ihn sickerte.

Langsam. Tropfen für Tropfen, wie aus einem undichten Wasserhahn drang es in sein Unterbewusstsein ein.

Noch bekam er davon nichts mit. Zumindest nicht allzu viel.

Ihm war nicht bewusst, dass er vollkommen zu seiner anderen Seite gewechselt hatte.

Tom saß im Dunkeln und starrte vor sich hin.

Um ihn herum war es still.

Ein kleiner Lichtschein fiel von drei alten Kerzenstumpen im Flur auf die Küchentür.

In der Küche war das Blut von Hector längst getrocknet und färbte den Boden rotbraun.

Die große Lache rund um das Tier, wie auch die Spritzer und Flecken an den Wänden, verströmten noch immer einen starken Kupfergeruch.

Durch den Flur zogen sich dunkle Fußabdrücke, bis hin zum Schlafzimmer. Bis zu ihm.

blut

Er saß da und lächelte. Knabberte an seinen Fingernägeln und schloss die Augen.

Endlich war er zuhause. Für immer.

Und niemand konnte ihm das nehmen.

Auch seine Mutter nicht, die es immer versucht hatte.

Dafür hatte er gesorgt, als er plötzlich bei ihr aufgetaucht war. Sie hatte gewusst, was er vorhatte, hatte es immer gewusst und hatte es doch nicht verhindern können.

Törichte Frau.

Endlich wusste er all das wieder und zugleich war es inzwischen vollkommen gleich.

Er war allein.

Und Tom allein kannte die einzige Wahrheit:

Am Ende sind wir alle allein.

Advertisements

Wahn

Gepostet am

Er saß zitternd auf dem kalten Fußboden seines alten Zimmers. Mitten in der Nacht war er aufgeschreckt und hier hochgerannt.
Seitdem hockte er hier, komplett in kalten Schweiß gebadet.
Die Ruhe der letzten Tage war wie weggeblasen.

Im Stockdunkeln umklammerte er seine angezogenen Knie und drängte sich noch weiter in die Ecke zwischen Schreibtisch und Wand. Am Liebsten wollte er sich verkriechen.
Aus dem Flur hörte man das Kratzen der Hundekrallen an der Tür. Doch die hatte er hinter sich zugemacht, denn niemand sollte zu ihm reinkönnen. Niemand.

Alte Tür

Auch das Winseln interessierte Tom nicht. Er lauschte nur auf eins. Es war, als würde das Flüstern direkt aus den Wänden kommen. Immer wechselnd, mal hier und mal dort.
Zwar war das unmöglich, doch änderte das nichts an der Tatsache, dass er es hörte!
Dieses Haus war genau wie damals. Nichts hatte sich geändert, auch wenn er es geglaubt hatte. Oder eher nicht mehr daran gedacht hatte, was einmal war.
Seltsam, wie hatte er all das nur verdrängen können?

Bis zum Morgengrauen verharrte er in seiner kleinen Nische und rührte sich kein Stück.
Erst als die Sonne schon lange aufgegangen war, schlich er nach draußen.

Die Hunde, die ihm entgegen sprangen, beachtete er nicht im Geringsten.

Neue Tage

Gepostet am Aktualisiert am

Um nicht wieder in dieses Loch zu fallen und auch, um den Schuldgefühlen wegen der alleingelassenen Mutter aus dem Weg zu gehen, stürzte er sich am nächsten Tag in die Arbeit.
So meldete er sämtliche Verträge auf sich um, richtete sich im Schlafzimmer seiner Mutter ein und lichtete das Unkraut im Lieblingsbeet von Heide.
Wie hatte sie doch den Lavendel geliebt. Überall im Haus hingen damals diese kleinen selbstgenähten Beutelchen, aus denen der unverkennbare Fliederduft aufstieg.

flieder

Abends fiel er erschöpft ins Bett, umgeben von seinen schnarchenden Hunden.
Nach drei Tagen hatte er so gut wie alles erledigt und kam langsam zur Ruhe. Nun war das hier Sein.
Und auch wenn es ihm garnicht aufgefallen war, er fühlte sich nicht mehr unwohl in seinem Elternhaus. Doch auch wenn er es bemerkt hätte, so hätte Tom es nur mit einem Schulterzucken abgetan.
Nachts weckten ihn keine seltsamen Geräusche mehr und tagsüber dachte er nicht mehr ständig an seine Wohnung in der Stadt.
Selbst sein Handy und das Notebook blieben aus. Er ruhte in sich selbst und so wollte er es lassen.
Tom fühlte sich wohl. Vorerst.

Um ein wenig vom Ort zu sehen und vielleicht etwas Anschluss an die Bewohner zu bekommen, ging er mindestens einmal am Tag mit den drei Rottweilern durch das Dorf. Einige grüßten ihn, doch die meisten machten einen Bogen um das Gespann.
Lächerlich, dachte Tom sich, die Tiere würden niemals jemandem etwas tun. Aber wenn die Leute nicht wollten, dann war es eben so.

Auch deckte er sich nach und nach mit Lebensmitteln ein, um die Vorratskammer ordentlich zu füllen, wie er es aus seiner Kindheit kannte.

Man konnte ja nie wissen.

Grauen

Gepostet am Aktualisiert am

Lange saß er da, starrte vor sich hin, ohne wirklich etwas zu sehen.

Nur in T-Shirt und Shorts ging er schließlich vor die Haustür und setzte sich auf die Stufen am Eingang.

Er starrte in den sich beziehenden Himmel und seufzte. Zwar war er noch immer verwirrt, ja fast schon konfus von dem gelesenen, doch die frische Luft half ihm, sich etwas zu entspannen. So hockte er da und hing Gedanken an die Vergangenheit nach. Er merkte kaum, wie die Zeit verging.

Erst als Hektor neben ihm auftauchte und ihn mit seinem riesigen Kopf anstupste, kam er wieder zu sich. Inzwischen war es fast komplett dunkel geworden. Tom riss sich zusammen und taperte zurück ins Haus. Nun merkte er auch, wie kalt ihm war, Gänsehaut bedeckte ihn von Kopf bis Fuß.

treppe

Stürmisch empfingen ihn die Hunde. Seit Stunden hatte er sich nicht um sie gekümmert, dabei waren sie so hungrig.

Also füllte er zunächst die Näpfe und als nur noch das Schmatzen der Tiere zu hören war, nahm er sich frische Sachen aus seiner Tasche und ging ins Bad. Ein Bad würde ihn aufwärmen und entspannen.

Zumindest hoffte Tom das.

Doch so sehr er es auch versuchte, Entspannung fand er nicht. Im Gegenteil, er verspannte sich immer mehr. Langsam schlich er durch das Haus und sah in alle Räume.

Zum Schluss setzte er sich in seinem alten Kinderzimmer auf den Boden und schloss die Augen.

Er konnte regelrecht hören, wie das Haus um ihn herum flüsterte, sich regte und bewegte. Ihm leise seinen Atem ins Genick blies. „Schluss damit“ rief er plötzlich laut, denn ihm machte sein eigenes Verhalten langsam Angst.

Was war denn nur los mit ihm. Seit seine Mutter gestorben und er wiedergekommen war, fiel er mehr und mehr in alte Verhaltensmuster zurück. Tom rief sich selbst zur Vernunft, stand auf und ging ins Erdgeschoss.

Dort fing er an, die Unterlagen zu sortieren und sich Notizen zu machen, was er als nächstes zu tun hatte. Da das Haus nun ihm gehörte, musste er entscheiden, was damit passierte.

Als wäre das eine Frage!

Auch wenn er es hasste, aus tiefstem Herzen verabscheute, so wusste er doch, dass er das Grundstück nicht verkaufen würde.

Längst vergangen

Gepostet am Aktualisiert am

 

Nachdem er sich ins Bett geschleppt hatte, um zumindest noch ein wenig Schlaf zu bekommen, stand Tom nun unschlüssig inmitten des Schlafzimmers.

Er versuchte sich an die letzte Nacht zu erinnern, doch alles was er noch wusste, war, dass er nachts aufgewacht war und dann, wie er duschte, um den Schweiß abzuwaschen.

Fehlte ihm viel dazwischen? Oder hatte er ohnehin nur geschlafen und schlecht geträumt?

Je mehr er grübelte, desto unsicherer wurde Tom.

Da es sinnlos war, sich weiter den Kopf zu zerbrechen, öffnete  er den Hunden die Tür zum Garten, was das Trio mit freudigem bellen annahm, fühlte ihre Näpfe und wandte sich dann den Bergen von Unterlagen im Hause zu.

Die bereits vorsortierten Papiere ließ er außen vor. Stattdessen wühlte er sich durch die hinteren, vergilbten Stapel, durch Schubladen und den Kleiderschrank.

Unbewusst suchte er etwas.

Klar wurde Tom das erst, als er es in den Händen hielt; das Tagebuch seiner Mutter.

Schon als er noch klein gewesen war, hatte sie es immer irgendwo im Schlafzimmer aufbewahrt.

„Was suche ich denn eigentlich da? Erwarte ich die ultimative Auflösung, die Erklärung für meine Stimmungsschwankungen und meine Paranoia?“ versuchte er sich zu beruhigen. Doch zwecklos. Er wusste einfach, dass es etwas gab, das er unbedingt wissen musste. Und das seine Mutter ihm einen Hinweis hinterlassen hatte. Irgendetwas.

Genervt von seiner eigenen Nervosität legte Tom das Buch aufs Bett und ging raus zu den Rottweilern.

Diese rumorten im hohen Gras, kaum zu sehen, jedoch mehr als gut zu hören.

Kopfschüttelnd drehte er sich um, ging ins Haus und griff nach einigem Zögern wieder nach dem Tagebuch. Mit verschränkten beinen hockte er sich aufs Bett und begann zu lesen.

4512986-offene-alte-buch-detail

 

 

15.Mai

Heute habe ich nicht aufgepasst und Tom ist allein im Garten gewesen. Natürlich ist er neugierig, er ist ja noch so jung.  Hinten auf dem Hof habe ich ihn gefunden. Dort, wo früher der alte Friedhof war, hatte ich ihn gefunden.  Auch wenn es außer uns niemand mehr wissen sollte. Der Junge wurde davon angezogen.

Wer weiß was passiert wäre, wenn ich nicht gekommen wäre. Er lag zusammengerollt am Boden und klammerte sich an mich, als ich ihn aufhob.

Oh Gott, ich hoffe er lernt daraus.

 

4.Juli

Nachdem ich nochmal mit Tomi geredet habe, hat er mir versprochen, nie mehr dorthin zu gehen.

Ich habe Angst um ihn. Aber er ist ein guter Junge und hört auf mich. So kann ihm nichts passieren.

 

1.Dezember

Walter sagt, wir sollten einen Zaun bauen, um den hinteren Teil des Grundstücks abzuschirmen. Uns zu schützen. Er versteht es einfach nicht.

Ich versuche, ihm klarzumachen, dass es das nicht will. Aber mein Ehemann ist so stur.

 

 

9.Dezember

Heute hat Walter den Zaun gebaut. Ich habe Angst. Es wird das nicht dulden.

 

12.Dezember

Ich habe nicht mehr geschrieben, seit mein Mann gestorben ist. Er lag einfach im Schuppen. Die Polizei sagt, er ist vom Heuboden gestürzt und auf den Heugabeln gelandet. Anscheinend wollte er vor dem Schlafen noch einmal alles kontrollieren. Ein tragischer Unfall sagen sie. Ich weiß es besser.

Nun muss ich Tomi allein beschützen.

 

 

 

 

24.Dezember

Nun wohnen wieder Tiere bei uns. Tomi war erstaunt, als ich mit den drei Welpen aus dem Auto gestiegen bin. Aber da heute Weihnachten ist, denkt er, es sei einfach eine Überraschung. Er muss nicht wissen, dass sie uns warnen sollen. Und ich will nicht mehr allein nachts wachliegen.

 

28. September

Seit ich allein hier lebe, ist es stärker geworden. Als würde es nun von weniger Kraft blockiert.

Es weiß, dass es mich allein für sich hat. Ich bin ihm ausgeliefert.

Doch bislang hat es mir nie etwas getan. Nichts Schlimmes.

 

 

Verwirrt ließ Tom das Buch sinken. Was hatte er da gelesen? Was war hier passiert? Hatte seine Mutter Wahnvorstellungen gehabt? Sicher, sie war schnell erregbar, aber das sie derart den Verstand verloren hatte, war ihm nie bewusst gewesen.

Oder hatte sie etwa die Wahrheit aufgeschrieben? Das konnte nicht sein.

Wahre Albträume

Gepostet am Aktualisiert am

Bedeckt mit kaltem Schweiß wachte Tom auf. Er lag mitten in seinem alten Zimmer und der Wind hatte den Raum vollkommen ausgekühlt. Der eiskalte Holzboden tat weh bei jeder Berührung.

32172-stock-photo-sonne-fenster-holz-architektur-ruecken-bodenbelag

Eine enorme Zunge schlabberte ihm durchs Gesicht und das dazu gehörige riesige Tier kletterte auf ihn und schien sich regelrecht verkriechen zu wollen.

Draußen wurde es langsam hell, also  musste er lange ohnmächtig gewesen sein.

Was war nur passiert. So sehr er auch versuchte, sich zu erinnern, ihm viel nichts ein.

Die Angst, die ihn sein ganzes Leben lang begleitet hatte, schlich sich wieder an.

Zitternd schleppte er sich ins Erdgeschoss und kletterte umständlich in die altmodische Wanne, um sich zu duschen und einen klaren Kopf zu bekommen.

So sehr er auch versuchte, sich die letzte Nacht zusammen zu reimen, es fehlten ihm Stunden an Erinnerungen.

In der Stadt brauchen die Leute für so was teure Drogen versuchte er sich aufzuheitern.

In seiner Heimat dagegen erlebte man die Alpträume wahrhaft, auch wenn man sich oft nicht daran erinnern konnte.

Letzteres war ein Segen.

Angst – 7.Teil

Gepostet am Aktualisiert am

Angst

Wie von der Tarantel gebissen schoss er hoch. Es war stockfinster um ihn herum. Panisch blickte er in die Dunkelheit.

Von Boden ertönte das mehrstimmiges Schnarchen der Hunde, doch das war es nicht, was ihn geweckt hatte.

Irgendetwas war hier.

Nachdem er die Nachttischlampe eingeschaltet hatte, saß er  unruhig im Bett und lauschte.

Was hatte ihn nur alarmiert.

Bestimmt war es nur Einbildung, nach den ganzen Erlebnissen des Tages kein Wunder, schalt er sich selber.

Doch nach einigen Minuten, die Tom allerdings wie Stunden vorkamen, stand er leise auf und schlich zur Tür.

Denn ihm war klar, dass er nicht würde schlafen können, ehe er nicht nachgeschaut hatte.

Innerlich fluchend, öffnete er die knarzende Tür und schaltete das Licht im Flur ein.

Im Dunkeln würde er garantiert nicht durch die Gänge laufen, soviel war sicher. Hinter ihm knackte es plötzlich laut und er fuhr herum. Doch er starrte nur in ein verschlafenes Hundegesicht.

Vor Erleichterung hätte er am Liebsten laut gelacht, doch da fuhr ihm auf einmal ein Schauer über den ganzen Körper und auch die Hündin zuckte zusammen.

Soviel zu meiner blühenden Fantasie dachte Tom, und wandte sich zögernd wieder dem Gang hinter sich zu.

Pauline schloss sich ihrem Herren an und gemeinsam tapsten sie über den staubigen Teppich Richtung Treppe.

Das alte Holz knackte wiederstrebend unter seinem Gewicht und es kam ihm unendlich laut vor. Wovon auch immer er aufgewacht war, nun war klar, dass er wach war.

Mit einem Mal knallte und schepperte es enorm im oberen Stockwerk. Tom vergaß nun alle Vorsicht und eilte nach oben. Dicht gefolgt von der riesigen Hündin folgte er dem Lärm und stand kurz darauf in seinem alten Zimmer.

All seine alten Sachen, Spiele und Poster waren noch hier, doch schenkte er dem keinerlei Beachtung. Denn das zersplitterte Fenster auf der gegenüberliegenden Seite lies den Wind durch den Raum pfeifen und die zerfetzten Klamotten auf dem Boden flattern.

Langsam ging er in die Hocke und sah sich die Kleidung an. Es waren ohne Zweifel alte Anziehsachen von ihm. Nur waren sie, als er sie das letzte Mal gesehen hatte, heile und gut in Schuss gewesen. Nun waren sie in kleine Stücke zerrissen.

Und daneben, halb unter den Tisch geweht, lag noch etwas. Tom zog das kleine Blatt hervor und atmete scharf ein; es war ein Foto von ihm und seiner Mutter. Nur war es zerrissen. Und voller Blut.

Die Tür schlug hinter ihm mit voller Wucht ins Schloss und Pauline fing im selben Moment an zu jaulen.

Dann ging das Licht aus.