Geschichte

Xanthos – Das Ende

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​Steine sind etwas besonderes, stark,  ein Mineral, sie wandeln sich, altern und können sogar wandern. 

 Und so wie die Jahre vergingen, 

so ging Xanthos mit ihnen. Ob aus Fleisch und Blut oder in anderer Zeit aus Stein. 

Es hatte so manche Veränderungen gegeben. Seine Einsamkeit hatte ihn fast wahnsinnig gemacht,  denn nach all den Jahrhunderten hatte die Begegnung mit einem einzelnen kleinen Jungen alles für ihn verändert. Plötzlich war ihm die Leere an seiner Seite wie ein riesiges Loch vorgekommen. 

Doch nicht nur für den Löwen war dieses Treffen voller Nachhall.    

Arvo war an jenem Abend heim gegangen und führte sein Leben von da an ein klein wenig anders weiter.                   

Er ging natürlich weiterhin mit seiner Familie in die Kirche, machte seine Aufgaben und half seiner Mutter, wann immer es zwischen Lernen und Schule möglich war. 

 Abends jedoch, besonders als er größer wurde, lief er so schnell es ging zum alten Krankenhaus und stieg hinauf zu dem alten Wächter. 

Arvo hatte all die Jahre ein klares Ziel vor Augen. Ja,  nach wie vor wollte er Priester werden und in der Kirche der Gegend arbeiten, den Menschen helfen.  Gleichzeitig hatte er aber vorallem einen besonderen Gedanken im Kopf,  der einst auf dem Dach bei Xanthos entstanden war. 

Diesen setzte er dann auch um. 

Kaum das er seine Priesterweihe geschafft hatte, trat er sein Amt an.

Zwei Dinge tat er nach der ersten Predigt.                                                

Zum Einen zog er ins Pfarrhaus der Gemeinde ein und zum Anderen holte er seinen treuesten und ältesten Freund an einen Ort,  der diesem zustand, seiner wahrlich würdig  war.
So wachte Xanthos fortan vom Sims einer riesigen Kirche aus über die Umgebung.

 Und über seinen liebsten Menschen,  Arvo.

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Xanthos Teil 3

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Xanthos wartete,  bis das Kind im Eingang verschwunden war,  dann fuhr er herum und stürmte Richtung Straße.

Kaum setzte er die Pfoten hinein,  umfing ihn vollkommene Finsternis.

Seine Augen leuchteten in dieser absoluten Dunkelheit auf,  während er wartete und lauschte.

Schon bald hörte er ein leises Geräusch auf sich zukommen,  in dem trotz der Entfernung etwas Schneidendes mitschwang.

Seine Muskeln spannten sich und als der  Ton so nah war,  dass es schmerzte,  schnellte er vor.

Mitten hinein in die Masse aus Krallen und Federn,  die ihn umschloss.

Fauchend schlug er mit den Tatzen durch die Luft.

Darauf erklang ein schrilles Gelächter und riesige schwarzen Vögel                   umschwirrten ihn,  sodass er nur noch stählerne Federn sah.

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Rotglühende Augen starrten Xanthos  boshaft an und verspotteten den Löwen.

Dieser brüllte laut und rief in die darauffolgende Stille : „Verschwindet auf der Stelle! “

Als statt einer Antwort zwei besonders große Exemplare auf ihn zuflogen, schoss er vor und ließ sein Gebiss zuschnappen, sodass nur einige schwarze Federn übrig blieben,  die langsam zu Boden schwebten.

Empört kreischte der restliche Schwarm auf und die Größeren unter ihnen forderten nun das,  was überhaupt der Grund ihres Auftauchens war: Nahrung.

Xanthos wusste aus früheren Begegnungen,  wie verfressen und eigennützig diese Wesen waren.

Gierig, zugleich aber faul und deshalb darauf aus,  jemanden zu finden,  der irgendeine Art von Futter für sie hatte, egal was,  hauptsache viel.  Denn sie waren alles andere als wählerisch.

Angewidert erstickte der Löwe alle    gefiederten Forderungen und ließ ein solch lautes Brüllen  vernehmen,  dass die Rotäugigen verdutzt blinzelten und schließlich beleidigt abzogen.

Nun endlich konnte er zurück.

Wie ein Schatten sprang Xanthos am Gebäude empor und hielt an einem der blinden Fenster inne. Mit geschlossenen Augen nahm er die Witterung des Jungen auf und fand ihn spielend in der großen Eingangshalle.

Während der Löwe sich den allesfressenden Vögeln entgegengestellt hatte,  war hier aus Schutt und Müll eine kleine schiefstehende kindliche Hütte entstanden.

Verborgene Worte – Teil 2

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Er kroch durch eine niedrige Holztür in die dahinter liegende Abseite. Der Hohlraum zwischen Zimmerwand und Dachschräge bildete  einen kleinen Bereich,  in dem in den meisten Fällen Kisten mit Weihnachtsschmuck,  Luftmatratzen oder altes Spielzeug lagerten.

Dieser spezielle kleine Raum allerdings war Sebastians Reich.      
Denn hier fühlte er sich seit seiner Kindheit geborgen,  auch wenn er seitdem um einiges gewachsen war.                      

Dennoch zwängte er sich immer wieder durch den engen Eingang,  um sich im Schneidersitz auf Decken und Kissen zu auszustrecken. 
Hier, im Schein einer einzelnen kleinen von der Decke baumeln Glühbirne, konnte er  die Welt dort draußen vergessen. 
                                              
Sebastian beugte sich über seinen neuesten Schatz.

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Er hatte einen großen Faible für alles Alte. 
Ob einzelne Fotos,  Bücher,  Medaillen oder ganze Alben,  er fand in Antiquariaten und auf Flohmärkten stets etwas neues Aufregendes.
Diesmal war es ein uraltes Buch.
Vergraben unter abgegriffenen Liebesromanen, Kochbüchern und Zeitschriften hatte er es in einem kleinen Eckladen entdeckt. 

Sofort war seine Neugierde geweckt,  sodass er es auf der Stelle gekauft und auf dem schnellsten Weg nach Hause gebracht hatte.
Nun endlich konnte er es in Augenschein nehmen.                                       
Das schwarze Leder knarzte,  als Sebastian es vorsichtig aufschlug.

Xanthos – Teil 2

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Er sah sie aus klugen gold-braunen Augen an und verschwand so plötzlich, wie er gekommen war.

 Mit einem unwilligen Knurren vertrieb er die Erinnerung. Eine von vielen. Es brachte nichts, darüber nachzudenken.
Denn in seinem Herzen wusste er genau, weshalb diese Bilder vor seinem inneren Auge abliefen wie Filme.
Er war allein und dies schmerzte das große Wesen so sehr, dass selbst solch traurige Treffen mit den Menschen ein kleiner Trost waren.

Mit diesen Gedanken erstarrte er vor den ersten Sonnenstrahlen erneut zu Stein.

Laut zwitschernd saß der kleine Spatz auf seinem Platz. Aufgeregt trippelte er nach links und rechts, bis plötzlich der Boden unter ihm zu vibrieren begann.

Empört flog er auf und fing sofort nach der Landung an zu schimpfen.

Das Ziel seiner Beschwerden interessierte sich jedoch nicht im Mindesten dafür.
Xanthos hatte anderes im Kopf.

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Um auf andere Gedanken zu kommen, tigerte er lautlos auf dem Dach umher und musterte die Stadt zu seinen Tatzen.
So entging ihm nicht, dass ein Junge durch die Pfützen hüpfte, vollkommen vertieft in sein Tun und trotz der späten Stunde allein zu sein schien.
Es erschien ihm seltsam, dass das Kind in dieser düsteren Umgebung so unbedarft war.
Xanthos beschloss, ihn im Auge zu behalten und folgte dem Jungen auf der steinernen Umrandung des Gebäudes.

Plötzlich schoss der Kopf des Kindes hoch und es starrte in eine der Seitengassen.
Dem Löwen war sofort klar, was sich da näherte.

 

Er sprang mit zwei großen Sätzen hinab und landete elegant neben dem kleinen Menschen.
Dieser blickte zu dem riesigen Tier auf und sagte mit großen Augen „Hallo, du bist ja eine große Katze.“
So eine Reaktion hatte Xanthos noch nie erlebt. Jedes Mal wenn er einem Menschen den Blick auf sich gewährte, folgten Panik, Ablehnung, Furcht oder der Zweifel an den eigenen geistigen Fähigkeiten. Manchmal auch mehreres davon gleichzeitig.
Und nun ging der Knabe mit ihm um, als sei das Ungewöhnlichste an seiner Erscheinung, dass er größer als eine Hauskatze war.

Doch er überwand sein Erstaunen schnell und grollte: „Schnell ins Haus, lauf!“
Der Junge sah noch einmal zur Straße zurück, die den Löwen so zu fesseln schien und gehorchte dann.

Xanthos – Teil 1

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Steinsplitter regneten vom Sims des Gebäudes, doch niemand bemerkte es.
Selbst die Wenigen, die inmitten des Gewitters vorbeieilten, achteten nicht auf die steinerne Löwenstatur, die ihre brökelnde Hülle abwarf.

Missmutig ließ er seinen Blick über die regennasse Straße unter sich wandern.
Seit Tagen strömte es nun schon ohne Unterlaß. Aber zumindest musste er so nicht besonders darauf achten, gesehen zu werden. Denn kein Mensch sah hinauf in die dunklen Wolken und auf die Fassade der ehemaligen Klinik.

Mit einem Knurren schüttelte er den Kopf, sodass Tropfen in alle Richtungen spritzten.
Wäre er nicht von Natur aus unglaublich geduldig, hätte er schon vor Stunden beschlossen, dass es für diese Nacht reichte.

Doch er war einer der Letzten seiner Art und sah es deshalb als seine Pflicht weiterzumachen.

Und so konzentrierte er sich wieder auf das Leben unter sich.

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Es kam vor, dass Jugendliche in das leerstehende Gebäude einstiegen, um Alkohol mit etwas Nervenkitzel zu mischen.
Doch genauso geschahen in den langen Gängen und abzweigenden Räumen Dinge, die er nicht einfach hinnahm.

So wie vor einigen Wochen, als zwei lachende Typen eine junge Frau durch einen der Eingänge schleiften.
Sie kamen nur soweit, ihr Opfer zu Boden zu stoßen und ihr das Messer an die Kehle zu drücken.
Die Drohungen, die mit Sicherheit keine leeren Versprechen waren, konnten sie nie in die Tat umsetzen.

Denn in dem Moment, als die Klinge ihre Haut ritzte, sprang ER durchs offene Fenster herein, fegte wie ein Schatten durch den Raum und schleuderte den ersten Angreifer quer durch die Halle.
Während dieser noch jammern wegkroch, war sein Kumpan schon an der Reihe.
Was später auf übermaßigen Drogenkonsum geschoben wurde, war der Anblick eines riesigen Löwen, der mit gefletschten Zähnen auf ihn zusprang, mit einem einzigen Hieb der Pfote seine Jacke zerriss und ohrenbetäubend brüllte.
Wären die Beiden nicht gerannt, so hätten sie den nächsten Tag vielleicht nicht erlebt.
Die Frau sah zitternd zu ihrem Retter auf und fragte wer er sei. „Xanthos“ antwortete dieser dröhnend.
Doch sie hörte ihn garnicht, schüttelte nur immer wieder den Kopf und murmelte etwas von Halluzinationen.

Der Berg – Teil 3 -Finale

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Er konnte das Alter dieses Ortes förmlich spüren. Die Wellen des Wassers warfen Reflexionen an die Höhlenwände und gaukelten Bewegungen um ihn herum vor.
Leises Plätschern erklang, wenn das Nass über die Steine am Rande leckte. Kristallklar erstreckte sich ein unterirdisches Reich vor ihm.
Fasziniert starrte Martin seine Entdeckung an.
Stalaktiten rechten sich der Decke entgegen und von oben tropften Rinnsale hinunter.

Nun fiel ihm auch ein Schimmer im hinteren Teil auf. Vom Wasser verzerrt leuchtete irgendetwas bis rauf an die Oberfläche .

Ihm schoß plötzlich der Gedanke durch den Kopf, dass er irgendwie hier wegkommen musste.
Daher bezwang er seinen aufkeimenden Entdeckerdrang und begab sich wieder nach draußen ans Ufer, um nach einem Ausweg zu suchen .

Doch dies war zum Scheitern verurteilt, denn der See befand sich inmitten eines kleinen Kessels, vollkommen abgeschnitten von den zugängigen Kletterpfaden oder anderen Auswegen. Auch waren die verwitterten Wände der Berge ringsherum unglaublich steil, sodass auch diese Möglichkeit wegfiel.
Zwar versuchte er es trotz allem, sah die Sinnlosigkeit seiner Mühe aber bald ein.

Ratlos setzte er sich in der Höhle auf einen Felsbrocken und dachte nach. Nach und nach nahm eine Idee Gestalt an, von der er unterbewusst geahnt hatte, dass sie aufkommen würde. So wahnwitzig sie auch sein mochte.

Seit er das Licht gesehen hatte, wollte er nachschauen, wissen was dort war. Und vielleicht gab es dort auch einen Weg hinaus.

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Eine Alternative gab es in seinen Augen ohnehin nicht. Entweder tauchen und es möglicherweise nicht schaffen oder hierbleiben und früher oder später ohnehin sterben.
Kurz entschlossen entledigte Martin sich der meisten Klamotten und ließ auch den Rucksack zurück.
Er würde ihn nur behindern.
Martin schloß die Augen, holte tief Luft und tauchte mit aller Kraft der Stelle entgegen.
An der Wand hinab, bis er den Eingang eines unterirdischen Ganges vor sich sah.
Schnell zog er sich in diesen hinein und tauchte ins Herz des Berges.
Auch wenn er über eine gute Ausdauer verfügte, so würde der Sauerstoff doch schnell knapp werden. Schon spürte er den steigenden Druck auf dem Brustkorb.
Doch er würde nicht aufgeben.
Noch nicht.

Sein Weg führte ihn durch diesen erstaunlich langen, geraden Tunnel, der bald komplett erfüllt war von strahlendem Licht.

Seine Lungen schrien nach Luft.

Martin lächelte trotz  des unglaublichen Schmerzes und schwamm direkt hinein ins Gleißen. Er war am Ziel.

Als er die Augen öffnete,  war er schweißgebadet, umgeben von zerknautschten Decken und weggeschleuderten Kissen. In seinem Bett.Er war daheim.

Der Berg – Teil 2 –

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Dann der Aufprall.
Eisige Kälte umgab ihn und drang in seine Lungen.
Augenblicklich sank er wie ein Stein.
Jetzt schlug die Panik zu.
Zu keinem klaren Gedanken fähig, hieb er um sich, versuchte sich zu befreien. Dann wurde ihm schlagartig klar, wo er war.

Unter Wasser.

Luftblasen

Nun endlich übernahm sein Instinkt die Arbeit und er bewegte sich vorwärts. Zwar konnte er nur hoffen, tatsächlich in die richtige Richtung zu schwimmen, aber das war allemal besser als einfach zu ertrinken. Kurz darauf durchstieß sein Kopf die Wasseroberfläche und Martin hustete Wasser und sog hektisch den Sauerstoff ein.

Dann schwamm er mit matten Bewegungen ans Ufer und ließ sich in den Sand fallen. Auch wenn es um sein Leben gegangen wäre, hätte er keinen Muskel rühren können.

Bald jedoch hatte er etwas Kraft gesammelt, sodass er sich aufsetzten und verwundert umsehen konnte. Es war kaum zu glauben, dass er noch am Leben war.
Das, was ihm das Leben gerettet hatte, entpuppte sich als kleiner See, teils verdeckt von überhängenden Felsen.
Der kleine Sandstreifen auf dem er saß, bildete einen Teil des Ufers, während der Rest nur aus Geröll und aufragenden Bergen bestand. Es war unfassbar, auf irgendeine Art und Weise musste er den Hang hinunter gestürzt sein, wobei der Wind ihm genügend Auftrieb gegeben hatte, um im passenden Winkel auf die bewegte Oberfläche des Sees zu treffen.
Anders war nicht zu erklären, daß er nicht tot war. Kopfschüttelnd saß Martin da und konnte es kaum fassen.

Sein Blick wanderte über das Gewässer hin zu dem Felsdach.
Bei genauerem Betrachten schien es eine Höhle zu sein, eine Art Eingang.
Das weckte trotz der Kälte und Erschöpfung in seinen Gliedern seine Neugier.

So watete er durch den seichten Bereich des Sees hinüber und trat vorsichtig durch das steinerne Tor.